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Gemeinschaft & neue Ökonomie in A.S.T.R.A.

von | Okt. 1, 2026 | ASTRA-Artikel

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Governance, Mutual Credit, Sovereign Guild und kulturelle Infrastruktur

In diesem letzten Teil meiner Artikelserie zum ASTRA-Projekt soll es hauptsächlich um die wirtschaftliche Ebene gehen. Diese steht vor der Herausforderung, dass der Sanctury Node in zwei Paradigmen und zwei Operationsmodi gleichzeitig handlungsfähig sein muss. Zum einen soll die Gemeinschaft im Notfall auch als Insel funktionieren, was angesichts der Weltlage absolut gerechtfertigt ist. Zum anderen will sie im gegenwärtigen Kapitalismus operieren können und zugleich mit einem System harmonieren, das noch im Entstehen ist.

Eine Gemeinschaft zunächst einmal zu gründen ist relativ einfach, aber sie am Leben zu erhalten, ist eine völlig andere Sache. Viele Projekte sind an dieser Herausforderung gescheitert – ganz ohne den zusätzlichen Schwierigkeitsgrad, dass sich das kollektive System parallel transformiert.

Doch bleiben wir zunächst bei den üblichen Herausforderungen einer Gemeinschaft: Menschen können sich aufgrund gemeinsamer Interessen zusammenfinden, ein Grundstück kaufen, Häuser bauen, Gärten anlegen und gemeinsame Regeln festlegen. Am Anfang ist die Energie oft hoch. Es gibt eine gemeinsame Vision, Begeisterung, Freundschaften und das Gefühl, an etwas Neuem mitzuwirken. Doch irgendwann beginnt das eigentliche Experiment. Dann beginnt oft die Reibung um folgende Fragen:

  • Wer entscheidet?
  • Wer trägt Verantwortung?
  • Wer arbeitet?
  • Wer bezahlt?
  • Wem gehört was?
  • Was geschieht, wenn zwei Menschen grundsätzlich unterschiedlicher Meinung sind?
  • Was passiert, wenn jemand mehr beiträgt als ein anderer?
  • Was passiert, wenn jemand weniger beitragen kann?
  • Wie wird mit Macht umgegangen?
  • Wie werden Konflikte gelöst?

Und vielleicht die schwierigste Frage:

Wie verhindert man, dass aus einer Gemeinschaft, die Freiheit ermöglichen wollte, mit der Zeit ein neues System von Kontrolle und Abhängigkeit entsteht?

Für mich liegen genau hier die langfristigen Herausforderungen von ASTRA. Denn wenn wir über eine mögliche neue Form des Zusammenlebens sprechen, reicht es nicht, neue Gebäude zu bauen oder neue Technologien einzusetzen. Wir müssen auch darüber nachdenken, welche sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen innerhalb dieser Gebäude entstehen sollen.

Gemeinschaft ist keine Ansammlung von Menschen

Nehmen wir ein Beispiel aus traditionellen Strukturen: Ein Dorf ist nicht einfach eine Ansammlung von Häusern, und eine Gemeinschaft ist nicht einfach eine Gruppe von Menschen, die am selben Ort wohnen. Gemeinschaft entsteht durch Beziehungen, Vertrauen, gegenseitige Verpflichtungen, gemeinsame Aufgaben, gemeinsame Werte, Rituale, Konflikte und die Bereitschaft, auch dann miteinander verbunden zu bleiben, wenn die ursprüngliche Begeisterung dem Alltag weicht.

Das bedeutet auch, dass eine Gemeinschaft nicht dauerhaft harmonisch sein muss – denn das Leben bringt immer Reibung mit sich. Vielleicht ist die Vorstellung einer dauerhaft harmonischen Gemeinschaft sogar eine der gefährlichsten Illusionen, die man haben kann. Denn Menschen unterscheiden sich oft grundlegend. Sie haben unterschiedliche Bedürfnisse, Temperamente, Lebensgeschichten und Vorstellungen davon, was richtig ist.

Eine funktionierende Gemeinschaft braucht deshalb nicht die Abwesenheit von Konflikten. Sie braucht die Fähigkeit, Konflikte zu verarbeiten. Das ist ein wesentlich realistischerer und nachhaltigerer Ansatz.

Vom Konsens zur Zustimmung

Wie gehen wir also mit der menschlichen Dynamik um? Im ASTRA-Konzept spielt deshalb eine Form soziokratischer Governance eine Rolle. Die Idee dahinter ist nicht, eine perfekte politische Struktur zu entwerfen. Es geht vielmehr darum, Entscheidungsprozesse so zu gestalten, dass die Verantwortung möglichst nah an der jeweiligen Aufgabe bleibt.

Ein Mensch, der für die Energieversorgung verantwortlich ist, sollte nicht für jede technische Entscheidung die Zustimmung aller Bewohner benötigen. Eine Gruppe, die für die Landwirtschaft zuständig ist, sollte innerhalb ihres Kompetenzbereichs handlungsfähig bleiben, ohne die Zustimmung aller einholen zu müssen.

Eine Gesundheits- oder Somatik-Gruppe braucht einen geschützten Raum für ihre Arbeit und gleichzeitig dürfen diese Bereiche nicht zu isolierten Inseln werden. Deshalb können verschiedene Kreise miteinander verbunden werden, wodurch Kompetenzkreise entstehen. Hier wäre eine grobe Einteilung:

  • Infrastruktur
  • Land und Nahrung
  • Gesundheit und Somatik
  • Finanzen und Recht
  • Sanctuary und Codex
  • Übergeordnete Koordination

Nicht jeder muss überall mitentscheiden, aber jeder muss wissen, wo Entscheidungen getroffen werden und wie er gehört werden kann, wenn eine Entscheidung relevante Auswirkungen auf andere Bereiche hat oder ihn persönlich betrifft. Das ist ein entscheidender Unterschied zwischen Hierarchie und Koordination.

Konsens ist nicht immer Harmonie

Auch der Begriff des Konsenses wird häufig idealisiert. Wenn jede Entscheidung die Zustimmung jedes einzelnen Menschen erfordert, kann eine Gemeinschaft irgendwann handlungsunfähig werden. Das ist ein Effekt, der bereits in vielen Lebensgemeinschaften beobachtet wurde.

Ein einzelner Mensch kann dann – bewusst oder unbewusst – das gesamte System blockieren. ASTRA orientiert sich deshalb eher am Prinzip der Zustimmung als am Prinzip des vollständigen Konsenses. Die entscheidende Frage lautet dann nicht:

Sind wirklich alle begeistert?

Sondern eher:

Gibt es einen begründeten Einwand, der berücksichtigt werden muss, bevor wir diese Entscheidung ausprobieren?

Dieser grundlegende Ansatz verschiebt die Kultur. Man muss eine Entscheidung nicht lieben, um sie mitzutragen, aber man muss auch nicht davon überzeugt sein, dass sie perfekt ist. Vielleicht reicht die Frage: Ist es sicher genug, es zu versuchen? Und: Ist es gut genug für den nächsten Schritt?

Das schafft Beweglichkeit und Dynamik bei der Umsetzung von Innovationen. Denn eine lebendige Gemeinschaft muss Entscheidungen treffen können, ohne ständig den Anspruch zu haben, die endgültig richtige Lösung gefunden zu haben.

Das Recht auf Veränderung

Das führt zu einem Prinzip, das für ASTRA immer wichtiger geworden ist: Keine Struktur sollte sakralisiert werden. Auch eine gute Idee kann irgendwann unbrauchbar werden.

  • Eine Regel, die vor fünf Jahren sinnvoll war, kann heute hinderlich sein.
  • Eine Governance-Struktur kann sich verfestigen.
  • Ein wirtschaftliches Modell kann seinen Zweck verlieren.
  • Eine Gemeinschaft kann damit beginnen, ihre ursprüngliche Vision zu schützen, statt sie weiterzuentwickeln.

Deshalb braucht eine lebendige Gemeinschaft eine Art eingebauten Wiggle Room – einen Raum für Revision. Im ursprünglichen Strategiepapier ist hierfür unter anderem eine regelmäßige Überprüfung der Regeln vorgesehen. Das Prinzip dahinter gefällt mir mehr als jede konkrete Form:

Die Gemeinschaft darf ihre eigenen Regeln verändern.

Dies sollte natürlich nicht impulsiv oder beliebig geschehen, sondern bewusst Teil der natürlichen Entwicklung sein. Beispielsweise sollte eine Verfassung für eine lebendige Gemeinschaft nicht aus Stein gemeißelt sein. Sie sollte eher einem lebenden Organismus gleichen.

Resonanz statt Gleichförmigkeit

Eine weitere Besonderheit von ASTRA ist die Idee, dass nicht jeder Mensch automatisch Teil der innersten Gemeinschaft werden muss. Das mag zunächst exklusiv oder elitär wirken. Für mich ist es jedoch eher eine Frage der Kompatibilität. Der innere Kreis soll nicht nur aus den Begründern bestehen, sondern auch aus Individuen, die sich durch ihre Resonanz mit dem Projekt besonders auszeichnen. Natürlich gibt es da immer Unterschiede unter den Mitgliedern.

Eine Gemeinschaft braucht keine Menschen, die in allem gleich denken, sondern Menschen, die bestimmte grundlegende Prinzipien miteinander teilen können. Hier sind die wichtigsten Eigenschaften:

  • Respekt vor persönlicher Souveränität.
  • Bereitschaft zur Selbstreflexion.
  • Verantwortung für das eigene Verhalten.
  • Respekt vor dem Land.
  • Bereitschaft zur Kooperation.
  • Offenheit gegenüber unterschiedlichen Weltbildern.
  • Fähigkeit, Konflikte zu bearbeiten.

Und ein grundlegendes Verständnis dafür, dass die eigene Freiheit dort endet, wo sie die Handlungsfähigkeit der Gemeinschaft zerstört. ASTRA spricht hier von Resonanz. Nicht im Sinne eines simplen „Du bist wie wir“. Sondern eher:

Können wir miteinander leben, ohne dass einer den anderen permanent verändern muss?

Gemeinschaft braucht Grenzen

Eine offene Gemeinschaft ohne Grenzen wird irgendwann nicht mehr offen sein. Sie wird überfordert und überreizt. Deshalb braucht auch ASTRA klare Eintritts- und Austrittsprozesse. Im ursprünglichen Konzept ist dafür ein mehrstufiger Weg vorgesehen:

Vom Retreat-Gast über eine vorläufige Mitgliedschaft und eine Phase des gegenseitigen Kennenlernens bis hin zu einer möglichen dauerhaften Beteiligung. Das Entscheidende daran ist die Zeit. Menschen müssen nicht nach einem ersten intensiven Wochenende entscheiden, ob sie ihr Leben mit anderen teilen wollen. Es muss einen hinreichenden Zeitraum geben, um diese Resonanz zu ergründen und zu beurteilen, ob sie passt.

Auch die Möglichkeit eines Austritts gehört deshalb zur Architektur. Eine gesunde Gemeinschaft darf Menschen weder psychologisch noch wirtschaftlich gefangen halten. Wenn jemand gehen möchte, sollte es einen fairen und im Voraus bekannten Weg geben, dies zu tun. Souveränität bedeutet schließlich auch: Man muss gehen können.

Eigentum und gemeinsames Gut

Damit kommen wir zu einer der schwierigsten Fragen jeder Gemeinschaft: Was gehört wem? ASTRA versucht, diese Frage nicht mit einer einzigen Antwort zu beantworten. Stattdessen lassen sich verschiedene Ebenen unterscheiden.

  • Privater Besitz
  • Gemeinschaftliches Eigentum
  • Infrastruktur
  • Land
  • Unternehmen
  • Wissen
  • Werkzeuge
  • Daten
  • Natürliche Ressourcen

Eine private Wohneinheit kann einem Menschen oder einer Familie zugeordnet sein. Die Wasserinfrastruktur dagegen gehört sinnvollerweise zur gemeinsamen Struktur. Ein Werkzeug kann privat sein. Eine große Werkstatt kann gemeinschaftlich organisiert werden. Ein Unternehmen kann wirtschaftlich eigenständig im Kontext der Gemeinschaft arbeiten. Der Boden wiederum kann über eine Genossenschaft gehalten werden. Wissen sollte in einer neuen Zeit als Gemeingut behandelt werden – aber auch das hat Grenzen.

Genau diese Differenzierung der Eigentumsverhältnisse ist wichtig. Denn vollständige Vergemeinschaftung kann ebenso problematisch sein wie vollständige Privatisierung. Wenn alles allen gehört, kann am Ende niemand wirklich verantwortlich sein. Wenn jedoch alles einem Einzelnen gehört, entsteht schnell Abhängigkeit. Dazwischen liegt ein riesiger Gestaltungsraum, und es gilt, ein harmonisches Gleichgewicht zu finden.

Die Genossenschaft als mögliche Grundlage

Die grundlegende Struktur von Verantwortung und Eigentum ist ein sensibles Thema. Das gilt insbesondere für den Grund und Boden der Gemeinschaft. Im ursprünglichen ASTRA-Modell ist deshalb unter anderem eine Genossenschaft als mögliche Struktur für den Landbesitz vorgesehen.

Das ist keine endgültige rechtliche Festlegung, aber als Denkmodell ist es interessant. Der Boden wird nicht einfach zur persönlichen Trophäe eines Gründers. Er wird Teil einer Struktur, die mehrere Menschen langfristig miteinander verbindet. Die operative Tätigkeit kann davon getrennt werden.

Unternehmensbereiche innerhalb von ASTRA können Retreats durchführen, Produkte verkaufen, Beratung anbieten, Veranstaltungen organisieren, oder bspw. Forschung betreiben. Die daraus resultierenden Einnahmen können wiederum zur Erhaltung und Weiterentwicklung der gemeinsamen Infrastruktur beitragen. So entsteht eine Trennung zwischen:

  • Land
  • Gemeinschaft
  • Unternehmen
  • Individuum

Diese Trennung kann helfen, Machtkonzentration zu vermeiden und zugleich klare Verantwortlichkeiten zu schaffen. Natürlich müsste eine solche Struktur in der Realität sorgfältig rechtlich, steuerlich und gesellschaftsrechtlich geprüft werden. ASTRA ist an dieser Stelle ein Denkmodell, kein fertiger Gesellschaftsvertrag.

Die Ökonomie muss das Leben tragen

Damit kommen wir zum wirtschaftlichen Kern. Eine Gemeinschaft kann nicht ausschließlich von Idealismus leben. Irgendjemand muss vielleicht irgendwann das Dach reparieren. Jemand muss Lebensmittel kaufen, die nicht selbst produziert werden können.

  • Energieanlagen brauchen Ersatzteile.
  • Fahrzeuge brauchen Wartung.
  • Versicherungen müssen bezahlt werden.
  • Steuern existieren.
  • Werkzeuge verschleißen.
  • Menschen brauchen Einkommen.
  • Kinder brauchen Dinge.
  • Und manchmal möchte jemand einfach ein Buch kaufen.

Eine neue Ökonomie darf diese Realität nicht verdrängen, sondern muss sie integrieren. Deshalb war ASTRA von Anfang an nicht als vollständig vom bestehenden Wirtschaftssystem abgekoppelte Kommune konzipiert. Das ist nur ein optionaler Betriebsmodus. Der Grundgedanke des Dual-Mode-Modells besteht darin, in stabilen Zeiten wirtschaftlich produktiv zu sein.

Die Einnahmen ermöglichen wiederum Investitionen in die Infrastruktur, die langfristig die Resilienz erhöhen. So entsteht folgender Kreislauf:

Wirtschaftliche Aktivität → Kapital → Infrastruktur → Resilienz → neue Möglichkeiten → wirtschaftliche Aktivität.

Eine Gemeinschaft muss nicht arm sein, um bewusst zu leben

Ich halte es für wichtig, diesen Punkt ausdrücklich zu machen. Nachhaltigkeit und Wohlstand sind keine natürlichen Gegensätze. Eine Gemeinschaft muss nicht absichtlich ineffizient oder materiell arm sein, um sich von einer konsumorientierten Kultur zu unterscheiden. Vielleicht geht es eher darum, Wohlstand neu zu definieren. Wohlstand sollte eher in folgenden Aspekten betrachtet werden, die oft sekundär mit finanziellem Reichtum assoziiert sind: Zeit, Gesundheit, Beziehungen, Natur, Kompetenz, Sicherheit, Schönheit, Freiheit, Zugang zu Wissen, Möglichkeiten und natürlich auch monetäre Stabilität.

Ein Mensch, der genügend Ressourcen besitzt, um nicht ständig um seine Existenz kämpfen zu müssen, kann leichter lernen, forschen, helfen, Kinder begleiten oder etwas Neues erschaffen. Deshalb ist wirtschaftliche Stabilität kein Verrat an spirituellen Werten. Sie kann eine Voraussetzung dafür sein, diese Werte tatsächlich zu leben.

Drei Ökonomien

Für wirtschaftliche Stabilität brauchen wir nicht einmal eine völlig neue Währung. Vielleicht brauchen wir zunächst nur eine mehrschichtige Ökonomie. Die erste Ebene ist die bestehende Wirtschaft, denn sie verschwindet nicht einfach. Sie mag sich aktuell stark transformieren, aber solange das alte Paradigma noch existent, muss sie in ASTRA integriert werden

Die zweite Ebene ist die lokale Wirtschaft. Diese besteht aus direktem Austausch, lokalen Dienstleistungen, gemeinschaftlichen Werkzeugen, vor Ort produzierten Lebensmitteln und Produkten, Arbeitszeit, lokalen Aufträgen etc.

Die dritte Ebene könnte schließlich eine Netzwerkökonomie sein, in der mehrere autonome Knoten Leistungen, Ressourcen und Kompetenzen miteinander austauschen. Dabei muss nicht alles über dieselbe zentrale Plattform laufen, wenn sich verschiedene Knoten auf unterschiedliche Bereiche fokussieren bzw. spezialsieren.

Damit beginnt eine andere Form wirtschaftlicher Beziehung: Nicht nur: Was kann ich verkaufen?Sondern: Was können wir füreinander ermöglichen?

Mutual Credit

Hier kommt die Idee des Mutual Credits ins Spiel. Das Konzept ist relativ einfach: Wert entsteht nicht ausschließlich dadurch, dass jemand bereits Geld besitzt. Eine Gemeinschaft kann auch Leistungen untereinander verrechnen. Zum Beispiel: Ich repariere deine Maschine. Du hilfst mir später beim Bau meines Gewächshauses. Eine andere Person übernimmt die Kinderbetreuung. Jemand anderes liefert Lebensmittel. Ein weiterer Mensch programmiert ein lokales System.

Die Leistungen können innerhalb eines vereinbarten Rahmens gegenseitig verrechnet werden. In einem größeren Netzwerk könnten daraus lokale oder regionale Verrechnungssysteme entstehen. Das bedeutet nicht, dass klassische Währungen verschwinden müssen. Es bedeutet lediglich, dass wir uns daran erinnern, dass Geld nur eine Form ist, um Wert zwischen Menschen zu organisieren.

Und vielleicht liegt hier eine der interessanteren Fragen einer neuen Ökonomie:

Wie können wir verschiedene Formen von Wert sichtbar machen, ohne sie alle auf Geld reduzieren zu müssen?

Das könnte ein wichtiger Bestandteil einer zukünftigen ASTRA-Netzwerkökonomie werden.

Die Sovereign Guild

Damit schließt sich die ökonomische Ebene direkt an den vorherigen Artikel an. Wenn Menschen nicht nur als Konsumenten, sondern auch als Träger von Fähigkeiten verstanden werden, entsteht eine neue Form des Marktes. Oder vielleicht sollten wir ihn gar nicht mehr Markt nennen. Eine passende Bezeichnung wäre „Guild“. Das ist ein Netzwerk von Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen, die sich gegenseitig finden.

Die entscheidende Ressource ist dabei nicht die öffentliche Selbstdarstellung. Vertrauen ist hier das wichtigste Kapital, ebenso wie ihre charakterlichen Qualitäten. Daran knüpft sich auch die Frage:

Ist ihre Präsenz für ein bestimmtes Umfeld wirklich stimmig?

Resonanz als soziale Infrastruktur

Hier bekommt der Begriff der Resonanz noch eine andere Bedeutung. Wir können Fähigkeiten objektiv beschreiben, aber Gemeinschaft braucht zusätzlich etwas, das sich schwerer bemessen lässt.

  • Passt dieser Mensch in dieses soziale Feld?
  • Kann er Macht tragen?
  • Kann er zuhören?
  • Kann er Grenzen respektieren?
  • Kann er mit Andersdenkenden umgehen?
  • Kann er einen Fehler eingestehen?
  • Kann er Verantwortung übernehmen, ohne Kontrolle über andere zu benötigen?

Diese Eigenschaften lassen sich nicht perfekt standardisieren – und das sollten sie vielleicht auch nicht –, aber sie können sich im Laufe der Zeit zeigen. Deshalb ist die Idee eines Resonant Registry weniger als klassisches Bewerbungsportal gedacht, sondern eher als vertrauensbasiertes Netzwerk.

Ein System, das Menschen mit Orten und Aufgaben verbinden kann, ohne alle persönlichen Daten öffentlich machen zu müssen. Technologien wie Zero-Knowledge-Verfahren könnten langfristig sogar ermöglichen, bestimmte Qualifikationen oder Eigenschaften nachzuweisen, ohne die gesamte Identität offenzulegen. Doch das ist Zukunftsmusik, aber die grundlegende Idee bleibt bestehen:

Menschen sollten sich aufgrund dessen finden können, was sie beitragen können – nicht nur aufgrund dessen, was sie besitzen.

Arbeit bekommt eine andere Bedeutung

Wenn sich diese Perspektive weiterentwickelt, verändert sich auch der Begriff der Arbeit. Heute wird Arbeit häufig anhand des Einkommens definiert. Eine Gemeinschaft könnte weitere Fragen stellen.

  • Was muss getan werden?
  • Wer kann es?
  • Wer möchte es lernen?
  • Wer kann denjenigen unterstützen, der es gerade trägt?

Und wie verhindern wir, dass immer dieselben Menschen die unsichtbare Arbeit übernehmen? Denn auch Gemeinschaften können ausbeuterisch werden weil bspw. eine Person kocht ständig, eine andere kümmert sich ständig um die Kinder, eine dritte repariert alles. Während andere die Freiheit genießen, „gemeinschaftlich“ zu leben, ohne die tatsächliche Last zu tragen.

Deshalb braucht auch eine neue Ökonomie Transparenz. Nicht zwingend eine totale Vermessung jedes Menschen, sondern ein Bewusstsein dafür, dass unsichtbare Arbeit ebenfalls Arbeit ist.

Die Ökonomie der Fürsorge

Vielleicht gehört Fürsorge sogar zu den wichtigsten Formen der Infrastruktur.

  • Wer kümmert sich um Kinder?
  • Wer begleitet ältere Menschen?
  • Wer kocht?
  • Wer putzt?
  • Wer hört zu?
  • Wer hilft einem Menschen durch eine schwierige Phase?
  • Wer hält einen Raum, wenn jemand selbst gerade nicht halten kann?

Diese Tätigkeiten erzeugen vielleicht keinen spektakulären Cashflow, aber ohne sie zerfällt jede Gemeinschaft. Eine neue Ökonomie müsste deshalb lernen, Fürsorge nicht als private Nebensache zu behandeln, wie unser gegenwärtiges Paradigma sie zumeist tut. Im Kontext von ASTRA ist diese Ebene ein wichtiger Bestandteil der Reproduktionsfähigkeit einer Kultur.

Kultur ist keine Dekoration

Dasselbe gilt für Kultur. Wenn eine Gemeinschaft nur aus Versorgungssystemen besteht, ist sie vielleicht resilient, aber sie ist noch nicht lebendig. Ich habe bereits im letzten Artikel darüber geschrieben, möchte diesen Aspekt aber an dieser Stelle noch einmal unterstreichen, denn hier beginnt der metaphysische Kitt, der eine Gemeinschaft zusammenhält.

Kultur ist das, was aus Infrastruktur Lebensraum macht.

Die neue Ökonomie als lebendiges Netzwerk

Wenn wir also von einer „neuen Ökonomie“ sprechen, meine ich damit nicht zwangsläufig eine neue Währung oder ein alternatives Finanzsystem. Ich meine eine andere Beziehung zum Wert, eine Wirtschaft, in der Menschen nicht nur als Konsumenten erscheinen, eine Gemeinschaft, in der Wissen nicht nur Ware ist, eine Kultur, in der Fürsorge nicht unsichtbar bleibt, ein Netzwerk, in dem Fähigkeiten zirkulieren, ein System, in dem Eigentum und Gemeingut nebeneinander existieren können, eine Infrastruktur, die nicht nur Kapital erhält, sondern auch Handlungsmöglichkeiten und eine Ökonomie, die nicht gegen das Leben arbeitet, sondern dem Leben dient.

Vielleicht ist das am Ende die einfachste Definition.

Der nächste Schritt

Mit den ersten vier Ebenen von ASTRA haben wir inzwischen einen Bogen gespannt: Die Vision beschreibt, warum wir überhaupt beginnen. Der „physische Anker“ fragt, wo und in welcher Form diese Vision Gestalt annehmen könnte. „Autonomie & Regeneration “untersucht, welche Systeme das Leben tragen. Der Artikel „Alexandria & der menschliche Faktor“ erkundet, welche Menschen, Fähigkeiten und Formen des Wissens dafür notwendig sind – und jetzt kommt die nächste Ebene der Ökonomie. Diese Ebene skizziert, wie diese Menschen miteinander leben, entscheiden, arbeiten, handeln und Wert schaffen können.

Aber auch diese Ebene ist noch nicht das Ende. Denn sobald mehrere solcher Gemeinschaften miteinander verbunden sind, stellt sich eine neue Frage.

Was passiert, wenn aus einzelnen Knoten ein lebendiges Netzwerk wird?

  • Wie können unterschiedliche Orte voneinander lernen?
  • Wie können sie Wissen teilen, ohne zentralisiert zu werden?
  • Wie können Menschen, Ressourcen und Kompetenzen zwischen ihnen zirkulieren?
  • Wie kann ein Netzwerk resilienter werden, ohne seine Mitglieder in eine neue Form der Abhängigkeit zu verwickeln?

Und vielleicht die wichtigste Frage:

Kann aus vielen autonomen Knoten tatsächlich eine neue Form von Zivilisation entstehen?

Genau dort beginnt die nächste Ebene von ASTRA: Das lebende Netzwerk. Doch wir sind schon sehr im visionären Bereich, auch wenn es Freude macht, eine neue Welt zu visualisieren. Ich schlage vor, wir fangen erst einmal mit einem souveränen Knoten an und schauen dann, wohin die Reise geht. Oftmals ist doch der Weg das Ziel.

Über den Autor

Christian Köhlert ist Schriftsteller, Forscher und Bewusstseinspraktiker. In seinen Büchern und Essays beschäftigt er sich mit den großen Transformationen unserer Zeit, den Wechselwirkungen zwischen Bewusstsein, Technologie und Gesellschaft sowie der Frage, welche Formen menschlichen Lebens aus dem gegenwärtigen Wandel entstehen könnten. Mit ASTRA führt er diese Untersuchung einen Schritt weiter.

Christian Köhlert Autor der Phönix- und Matrix-Hypothese

1 Kommentar

  1. Eberhard Martell

    Lieber Christian,

    Du hast geschrieben, das Projekt könnte je nach politischer Notlage auch als „Insel“ dienen. Das geht mir ins Herz, ich habe noch Ende der DM-Zeit im Jahr 2000 ein „Inseldorf“-Projekt geplant. Es wurde in der Schweriner Volkszeitung Güstrower Anzeiger sehr sichtbar als „Die Idee vom ‚Inseldorf‘ in Rossewitz‘ im Dezember 1999 angezeigt. Rossewitz ist ein Schloß ohne Dorf. Dort war bereits eine bäuerliche Ansiedlung geplant und der Boden parzelliert. Der damalige mir bekannte Bürgermeister hat das Projekt unterstützen wollen, wurde aber von einem neuen und jungen BM in einer Wahl abgesetzt. Das Rostocker Bauamt sah dann eine ‚Zersiedlung‘ als Raumordnungsproblem und damit kam das Projekt zum Stillstand. Es ging im Hintergrund allerdings auch andere Interessen.

    Ich habe als damaliger Architekt der gesamten Planungsidee eine Kostenberechnung vom ersten Spatenstich an bis zur Fertigstellung nach 10 Jahren zugeordnet. Die Siedlung läßt sich wie eine Weintraube bildhaft erlläutern, mit allen notwendigen Einrichtungen für max. 300 Menschen, Familien, Rentner, Handwerker, Gärtner, Bauarbeiter usw. Die Kostenbeiträge waren je nach Finanzlage der Menschen gestaffelt und gekoppelt an Selbsthilfe und an allen erforderlichen Leistungen. Es war an bis zu 16 Wohnhöfe gedacht, die einen begrünten Innenhof von zwei Seiten schützten. Im Außenbereich jedes Wohnhofes lagen die Wohnterrassen. Also Pläne über Wohnflächen, Gebäudekonstruktion liegen detailliert vor.

    Es soll klar sein, dass dieses Projekt in keinerweise kühneren Siedlungsformen widersprechen wird. Maßstab ist der soziale Wohnungsbau, aber ohne Einschränkung der Wohnqualität. Kinder, Rentner, Alleinerziehende, Alleinlebende, Selbständige aus dem Mittelstand könnten in dieser Siedlungsidee ganzheitlich wachsen.
    Das Projekt liegt seit dieser Zeit in der Schublade, ein kompletter Plan, Baupläne, Kosten in DM. Mein fortgeschrittenes Alter erlaubte mir, in die voll unterdrückten Fähigkeiten des Dialogs ein zündendes Licht zu werfen. Siedlungsgemeinschaft und Dialog ergänzen sich.

    Vielleicht habe ich Ihr Herz angesprochen, das wäre ein guter Ansatz zum Kennenlernen. Ich wohne in Berlin und meine Tel Nr. lautet 030 – 89 63 31 45

    Liebe Grüße

    für Eigenbau, Nachbarhilfe usw. bestimmten das Vorangehen der Siedlung.

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